Risikoberuf Filmemacher - Praxiskiste
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Risikoberuf Filmemacher

Nach dem Studium wagte er den Schritt: Frieder Scheiffele gründete seine eigene Filmproduktionsfirma. Nun ist er für den renommierten Grimme-Preis 2017 nominiert. Im Gespräch mit Kai Jostmeier spricht der Produzent über die Risiken seiner Branche und erklärt, worauf es beim Einstieg ins Filmgeschäft ankommt.

 

Praxiskiste: Herr Scheiffele, der italienische Filmproduzent Carlo Ponti sagte einmal: »Filmemachen ist eines der größten und sichersten Geschäfte, die ich kenne. Aber nur für das Finanzamt.« Wie sehen Sie das?

Frieder Scheiffele: Da steckt natürlich Ironie mit drin. Das Finanzamt und der Staat sollen auch an Filmprojekten verdienen, nur so kann das Land funktionieren. Er will damit ausdrücken, dass das Filmemachen ein großer Aufwand ist, der nicht immer im Verhältnis steht.

Im Verhältnis zum zeitlichen oder finanziellen Aufwand?

Beides. Der zeitliche Einsatz ist sehr hoch und man investiert im Voraus eine Menge Geld. Ich vergleiche die Filmproduktion gerne mit einem Staudamm, der immer größere Risse kriegt. Man ist ständig bemüht, alles abzukitten, damit er am Ende auch hält. Das ist nicht immer leicht.

Würden Sie die Filmbranche damit als ein Risikogeschäft bezeichnen?

Das würde ich, weil sich alles ganz schwer kalkulieren lässt. Bevor ein Film sein Publikum findet, sind viele Hürden zu bewältigen. Zunächst braucht man den Riecher für den richtigen Stoff, teilweise schon Jahre im Voraus: Was wollen die Leute in Zukunft sehen? Dann geht man ins Vorinvestment, ohne zu wissen, ob man einen Verleiher oder Fernsehsender findet. Danach folgt die schwierige Finanzierungsphase. Und am Ende, klar, ist der Erfolg des Films an einen guten Start- oder Sendetermin gebunden. Es gibt also unglaublich viele Schwellen. Und ich kann nicht – wie in anderen Branchen – eine kleine Marge vorproduzieren. Wenn ich als Bäcker ein neues Produkt ausprobieren möchte, dann backe ich heute ein Blech und wenn das gut läuft, mache ich morgen mehr. Das geht beim Film nicht, da muss ab einem gewissen Zeitpunkt einfach alles funktionieren: das richtige Buch, die Finanzierung, die richtige Besetzung, das richtige Team … Also ich würde das Filmgeschäft schon als sehr sehr großes Risikogeschäft bezeichnen.

Trotzdem haben Sie nach dem Studium den Schritt gewagt und zusammen mit zwei Partnern die »Schwabenlandfilm GmbH« gegründet. Warum?

Es gab nach dem Studium zwei Möglichkeiten: entweder sich einer großen Firma anzuschließen oder eine eigene zu gründen. Der Vater eines Freundes hatte die Ansicht vertreten, dass wir das auch alleine hinbekommen würden. Wir teilten schließlich diese Ansicht, denn die Voraussetzungen waren ideal: Die MFG Filmförderung Baden-Württemberg war bereit, unsere Pilot-Serie »Laible und Frisch« zu fördern und ich hatte mir in meiner Heimat über die Jahre ein großes Netzwerk geschaffen.

Wie wichtig sind solche Netzwerke in der Filmbranche?

Kontakte und Netzwerke sind das Wichtigste beim Film. Es ist gut, sich auszukennen, auch außerhalb der eigenen Branche. Schließlich kommt man durch die Dreharbeiten mit den unterschiedlichsten Bereichen in Berührung. In unserem Fall war es mit »Laible und Frisch« zunächst einmal das Backgewerbe. Damit hatten wir vor dem Film nichts zu tun, da mussten wir uns erst einarbeiten. Ein großes Netzwerk hilft dabei, sehr sehr schnell sehr gute Ergebnisse zu erzielen.

Sie sprechen von Ihrer Serie »Laible und Frisch«. Sie wurde trotz großen Erfolges 2010 vom SWR eingestellt – Worst Case für jeden Filmemacher. Wie sind Sie mit diesem Rückschlag umgegangen?

Nun, wir haben versucht, die Situation zu analysieren und unsere Möglichkeiten abzuwägen. Lag es an uns selbst? Lag es an Voraussetzungen außerhalb? Wichtig ist, das Ganze nicht zu persönlich zu nehmen und zu überlegen, was man beim nächsten Mal besser machen kann. »Laible und Frisch« war damals ein so großer Auftrag, dass wir parallel nicht viel entwickeln konnten, wir waren von einem Projekt abhängig. Das haben wir in den letzten Jahren geändert, wir sind jetzt breiter aufgestellt. Insofern sehe ich die damalige Krise auch als genutzte Chance, an der wir gewachsen sind.

Getreu dem Motto: »Versuch macht kluch.«

Absolut. Wir konnten damals eine Menge lernen und die gemachten Erfahrungen kommen uns nun für künftige Projekte zugute.

Welche Ihrer Erfahrungen würden Sie jungen Filmemachern mitgeben, die selbst eine Filmfirma gründen wollen?

Sie sollten sich bewusst sein, dass es kein leichter Weg ist. Man muss sehr viel Zeit in das Unternehmen investieren und auf einiges verzichten, an Freizeit und an Urlaub. Sie sollten sich breit aufstellen, ohne sich zu verzetteln: Serie, Kino, Online-Formate. Es ist wichtig, sich im Vorfeld viele Gedanken zu machen, einen Business-Plan zu schreiben: Welche Ziele will ich bis wann und über welchen Weg erreichen? So läuft man nicht Gefahr, dass einem auf halber Strecke die Luft ausgeht. Und auch für diesen Fall sollte man einen Plan B haben. Beherzigt man das, fühlt sich nicht nur das Finanzamt sicher.

 

Zur Person
Frieder Scheiffele ist gebürtiger Reutlinger und gründete im Jahr 2008 mit zwei Partnern die Produktionsfirma »Schwabenlandfilm GmbH«. Zuvor studierte er »Serienproducing« an der Filmakademie Baden-Württemberg. Zu seinen erfolgreichsten Produktionen gehören die Bäckerserie »Laible und Frisch« und der Spielfilm »Dolores«, der kurz nach dem Interview für den Grimme-Preis 2017 nominiert wurde.

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