Scheitern tut gut - Praxiskiste
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Scheitern tut gut

Christian Reichel schrieb zweieinhalb Jahre als freier Mitarbeiter für die Deutsche Presse Agentur (dpa) im Landesdienst Südwest für Baden-Württemberg in Stuttgart. Die Volontariatsstelle bekam er trotzdem nicht. Im Interview mit Victoria Weht  spricht er über den Bewerbungsprozess und verrät, warum in Zukunft zumindest seine Mutter spannende Geschichten zu hören bekommt.

 

Praxiskiste: Christian, du hattest dich für ein dpa-Volontariat beworben und es bis in die letzte Auswahlrunde geschafft. Am Ende gab es dennoch die Absage – rückblickend eine Erleichterung?

Christian Reichel: Für mich persönlich war es gut, dass es nicht geklappt hat. Wäre es anders gelaufen, hätte ich das Volontariat selbstverständlich durchgezogen. Aber wer weiß, was nach diesen zwei Jahren mit mir passiert wäre. Das Volontariat bei der dpa ist mit einem radikalen Lebenswandel verbunden und als festangestellter Redakteur oder Reporter sind häufige Ortswechsel Normalität. Aus mir wäre vielleicht ein nervliches Wrack geworden (lacht).

Wie lief der Bewerbungsprozess ab?

Ich hatte mich Anfang Januar für den Aufnahmezeitpunkt im September beworben. Drei Monate später bekam ich die Nachricht, dass ich in der nächsten Runde sei. Das hieß, dass ich ein zweiwöchiges Praktikum in einem mir fremden dpa-Landesdienst absolvieren musste. Im Mai war ich deshalb im Landesdienst Hamburg und hatte die Aufgabe neben dem Tagesgeschäft, ein selbstgewähltes Thema als Korrespondentenbericht zu recherchieren und umzusetzen.

Und wie ging es nach dem Praktikum weiter?

Man erfährt ziemlich schnell, ob man für das Volontariat empfohlen wird. Nach den zwei Wochen sagt dir der Landesbüroleiter das direkt ins Gesicht. Schätzt er dich als potentiellen Kandidaten ein, bekommst du eine Einladung zur dritten Bewerbungsrunde: Einem persönlichen Gespräch mit zwei stellvertretenden dpa-Chefredakteuren. Wenn dich diese vier Augen anstarren und ausquetschen, kann das durchaus angsteinflößend sein.

Warst du vor dem Gespräch sehr nervös?

Ich war aufgeregt, aber gleichzeitig gespannt auf die Fragen. Es kann vorkommen, dass du über Allgemeinwissen oder zur aktuellen Nachrichtenlage abgefragt wirst. Sie testen dich nicht auf das „Superbrain“, aber für wichtige Meldungen solltest du ein Gefühl haben. Deshalb ist es empfehlenswert – genauso wie vor dem zweiwöchigen Praktikum – die regionalen Zeitungen zu sichten. Aber sie wollen auch ein Gefühl dafür bekommen, wie du als Journalist arbeitest.

In deiner Freizeit spielst du leidenschaftlich Theater. Hat dir das während des Gesprächs geholfen, deine Aufregung unter Kontrolle zu halten?

Das auf jeden Fall. Natürlich ist Theaterspielen keine Voraussetzung, um im Journalismus zu arbeiten. Aber es kann helfen, einen einfacheren Zugang zu Menschen zu gewinnen. Du hast mit allen möglichen Leuten zu tun, ob Politiker oder Durchschnittsbürger, und musst ein Feingefühl dafür entwickeln, wie der Mensch vor dir funktioniert.

Wann und wie hast du erfahren, dass du das Volontariat nicht bekommen hast?

Etwa zwei Wochen später am Telefon. In einem kurzen Gespräch erläuterte man mir die Gründe für die Absage. Das hat mir für meine journalistische Karriere nicht viel weitergeholfen. Dennoch war es eine interessante Erfahrung, den gesamten Bewerbungsprozess durchlaufen zu haben.

Nachdem dir abgesagt wurde – hattest du da nicht das Gefühl, dass alles vergeudete Mühe war?

Nein, es war auf keinen Fall umsonst. Man lernt, spannende Geschichten zu erzählen. Und das kannst du auch auf andere Lebensbereiche anwenden. Zum Beispiel, wenn du mit deiner Mutter ein Gespräch am Telefon führst und weißt: Sofort mit der heißesten Nummer einsteigen! (lacht) Das Werkzeug, welches man als Journalist mitnimmt – ob bei der dpa oder bei einer Tageszeitung – kann man vielfältig anwenden. Und wenn du nicht Journalist, sondern Pressesprecher wirst, weißt du trotzdem, wie die Branche funktioniert.

Würdest du dich nochmal für ein dpa-Volontariat bewerben?

Ich persönlich nicht. Aber man kann sich ein zweites Mal bewerben. Wenn du noch viel Feuer in dir hast und unbedingt bei der dpa arbeiten willst, dann bewirb dich! Aber man sollte sich gut selbst einschätzen können und fragen, habe ich den Elan und die Kraft dazu? Das Volontariat besteht aus zwei harten und lehrreichen Jahren. Es gehört zu den besten Ausbildungsprogrammen, die ein Journalist in Deutschland absolvieren kann. Aber dafür musst du alles geben – von dir werden jeden Tag 100 Prozent verlangt.

Ist es nach wie vor dein Wunsch, im Journalismus zu arbeiten?

Als freier Mitarbeiter habe ich spannende zweieinhalb Jahre bei der dpa verbringen dürfen. Gegen Ende habe ich mich jedoch sehr erschöpft gefühlt. Gerade weil es mit dem dpa-Volontariat nicht mehr geklappt hat, bin ich derzeit auf der Suche nach neuen beruflichen Herausforderungen.

Zur Person
Christian Reichel (30) hat an der Universität Hohenheim Kommunikationswissenschaft, und an der Universität in Tübingen Anglistik, Amerikanistik sowie neue deutsche Literatur studiert. Während seines Studiums war er bereits als Redaktionsassistenz und freier Mitarbeiter für die dpa in Stuttgart tätig. Ferner hat er schon für die Stuttgarter und Esslinger Zeitung als freier Journalist geschrieben.

 

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