Selbst ist der Student - Praxiskiste
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Selbst ist der Student

Mit lockerer Haltung und viel Eigeninitiative hat der Nachwuchsfotograf und Filmemacher Michael Mantay den Einstieg in die Medienwelt geschafft. Im Interview mit Linda Addae erzählt der 22-Jährige von seinen Erfahrungen und zeigt, dass es nicht immer der geradlinige Weg sein muss, um seine Träume zu verwirklichen.

 

Praxiskiste: Michael, du bist heute vieles: Medienwissenschaftsstudent, Filmemacher, du hast eine Leidenschaft für Fotografie und ein Händchen für Technik. Aber wie hat alles angefangen?

Michael Mantay: Mit 16 Jahren war ich auf der Sommerfreizeit einer Gemeinde. Dort hat mir jemand eine Videokamera und einen Fotoapparat in die Hand gedrückt. Ich sollte die schönsten Momente des Sommercamps festhalten – und habe dabei meine Vorliebe für Fotografie und Film entdeckt. Ich sage auch gerne: »Gott hat’s gegeben.« So kam es, dass ich schon mit 16 Jahren engagiert wurde, eine Hochzeit zu fotografieren, weil der Hochzeitsfotograf spontan abgesprungen ist. Von da an explodierte die Nachfrage. Es kamen immer mehr Leute auf mich zu und fragten, ob ich Fotos oder Filme machen könnte. Also gründete ich ein Nebengewerbe.

Kannst du denn von deiner Arbeit leben?

Natürlich ist es ganz unterschiedlich: Im Sommer habe ich deutlich mehr Aufträge – das heißt, ich mache viel mehr Geld als im Winter. Als Student kann ich davon sehr gut leben. Noch reicht das Geld aber nicht aus, um den Lebensunterhalt mit einer Lebensgefährtin zu bezahlen. Ich mache den Job schließlich nur neben dem Studium und nicht als Hauptbeschäftigung.

Gab es im Laufe deines Lebens Vorbilder, die dich beeinflusst haben?

Meine größten Vorbilder sind Steve McCurry und Jeremy Cowart. Das sind Legenden! Steve McCurry ist einer der unglaublichsten Fotojournalisten. Jedes Bild ist faszinierend und atemberaubend. Jeremy Cowart hatte einfach den Stil, den ich selbst immer haben wollte. Er hat mich dazu bewegt, nach Uganda, Kenia, Indien und Bangladesch zu reisen, Kurz-Dokus zu drehen und fotojournalistisch unterwegs zu sein. Im Bereich Film war es Salomon Ligthelm. Er sticht aus den Filmemachern unserer Zeit definitiv heraus und hat eine besondere Art des Storytellings und eine eigene Bildsprache. Definitiv ein Mensch, zu dem ich hochschaue.

Wie kam es dazu, dass du Medienwissenschaft studiert hast?

Das ist eine lange Geschichte: Mir hat jeder gesagt, man könne als kreativer Kopf nicht genug Geld zum Überleben verdienen. Ich habe es den Leuten geglaubt, keine Ahnung wieso. Gleichzeitig wusste ich aber nicht, was ich mit meinem Leben sonst anfangen soll. Ich habe dann aus Frust angefangen, Mathe zu studieren und bin damit auf die Nase gefallen. Ich musste einsehen: Das Fach ist nichts für mich. Da ich schon in Tübingen wohnte, habe ich dann geschaut, welcher Studiengang mich noch anspricht und das war die Medienwissenschaft.

Wann und wie ist dein erster Film entstanden? Worum geht es und was hat dich dazu inspiriert?

Ich war vielleicht 12 oder 13, da sind wir mit unseren BMX-Rädern rumgefahren und haben versucht, über Schanzen und Bordsteine zu fahren. Das war noch zu Zeiten, als YouTube nicht etabliert war und man Videos auf Clipfish angeschaut hat. Wir hatten einfach sehr viele BMX-Videos gesehen und wollten sie nachstellen.

 

Michael Mantay2

 

Hast du eine besondere Arbeitsmoral, die dich immer wieder dazu verleitet, Neues in Angriff zu nehmen? Was motiviert dich?

Ich glaube, ich war lange zu schüchtern, den Leuten, die mich um einen Gefallen baten, abzusagen – und das hat mich deutlich vorangetrieben (lacht). Ehe ich mich versah, hatte ich einen Batzen Arbeit. Ich musste liefern und arbeiten – und man wächst ja schließlich mit den Herausforderungen. Mit jedem Projekt will ich mich weiterentwickeln und etwas Neues lernen. Es soll nicht nur ein Foto oder ein Video werden, sondern ein Kunstwerk.

Welche Themen sind deine Schwerpunkte beim Filmemachen? Welche Geschichten willst du erzählen?

Zuerst ging es nur um die Vorstellungen der Kunden. Damals habe ich mir nicht so viele Gedanken darüber gemacht, was ich überhaupt erzählen möchte. Mir gefiel einfach der technische Aspekt beim Filmmachen und Fotografieren. Erst in den letzten zwei bis drei Jahren habe ich angefangen, sehr viel Arbeit für unterschiedliche Hilfswerke zu machen. Mit ihnen durfte ich nach Moldawien, Indien, Bangladesch, Kenia und Uganda reisen. Ich wollte das Leben anderer Kulturen und Menschen erzählen und den Horizont von Menschen in unserem Land erweitern. Von den Hilfswerken habe ich sehr viel Freiraum erhalten und durfte mir aussuchen, wie genau und über wen ich berichte, beispielsweise von Menschen in Armut und von sozialer Ungerechtigkeit. Genau solche Geschichten wollte ich erzählen – dafür schlägt mein Herz.

Dir geht es bei deiner Arbeit also um den Menschen. Kann man ihnen mit Film und Fotografie etwas Gutes tun?

Ich glaube, das wird immer schwieriger. Wir sind eine Gesellschaft geworden, die »likt« und »teilt« und dabei denkt, etwas Gutes getan zu haben. Grundsätzlich ist das nicht schlecht, aber mein Wunsch ist es, Menschen mit meinen Filmen und Fotos so zu berühren, dass sie einen Schritt weitergehen und schauen, wie sie sich in dieser Welt einbringen können, damit dieser Planet besser wird. Das ist für mich die größte Herausforderung. Ich versuche, den Menschen Würde und eine Stimme zu geben.

Wie hat es sich angefühlt, als du zum ersten Mal einen Preis gewonnen hast?

Nicht nur in diesem Moment – es ist jedes Mal etwas Besonderes, wenn ich irgendwo sitze und mehrere Hundert Menschen schauen eines meiner Videos. Ich weiß nicht, wie ich das Gefühl beschreiben soll, wenn die Zuschauer etwas vor der Leinwand erleben und sich mit der Story verbinden.

 

Linda Addae

Linda Addae – Die Medienwissenschaftlerin und Anglistik/Amerikanistik-Studentin möchte eines Tages bei der Produktion audiovisueller Medien mitwirken und kreative Ideen für die große Leinwand konzipieren.

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