»Undenkbar im deutschen hyper-bürgerlichen Fernsehen« - Praxiskiste
Film, Drehbuch, Serie, Deutschland
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»Undenkbar im deutschen hyper-bürgerlichen Fernsehen«

Zu jedem guten Film gehört ein gutes Drehbuch. Ulrike Krauth arbeitet als freie Autorin, Dramaturgin und Dozentin für Drehbuch und Film. Auf was sich Nachwuchsautoren in Deutschland einstellen müssen, erklärt sie im Interview mit Homa Kheredmand.

 

Praxiskiste: Es heißt, als Drehbuchautor muss man auf Knopfdruck kreativ sein. Ist das ein Widerspruch?

Ulrike Krauth: Bei mir geht das nicht auf Knopfdruck. Manchmal muss ich auf meine Ideen warten. Aber es gibt eine kreative Routine. Je erfahrener Sie sind, desto schneller können Sie mit Themen und Ideen umgehen. Es gibt einen großen Bereich, in dem es hauptsächlich um Handwerk geht. Diese Autoren, die unglaublich viel für das Fernsehen machen, nenne ich gerne Industrieschreiber. Entsprechend sind die Sachen, die man sieht, manchmal auch nicht so ideenreich.

Sollte man Ihrer Meinung nach, als Drehbuchautor eine entsprechende Ausbildung abgeschlossen haben?

Nicht unbedingt. Natürlich haben Autoren, die an den Hochschulen ausgebildet wurden, bessere Chancen Aufträge bei Sendern zu bekommen. Aber was die Qualität betrifft, muss jemand von der Hochschule nicht unbedingt ein besserer Autor sein.

Sie arbeiten als freie Autorin, Dramaturgin und Dozentin für Drehbuch und Film. Warum haben Sie sich dazu entschieden, sich selbstständig zu machen?

Selbstständigkeit ist immer eine persönliche Frage. Die freie Gestaltung meiner Arbeit ist mir wichtig, auch wenn es nicht immer einfach ist.

Welche Eigenschaften muss man mitbringen, um sich auf dem Markt durchsetzen zu können?

Angepasstheit. Im Augenblick ist der Markt leider so. Gerade wenn Sie beim Fernsehen arbeiten, muss Ihnen klar sein, dass die Redakteure über die Inhalte bestimmen. Das heißt, dass sehr viel an Ihren Geschichten geändert wird.

Der deutsche Film wird häufig für seine wiederkehrenden Geschichten kritisiert. Liegt das also an den Arbeitsstrukturen, denen Drehbuchautoren hierzulande unterliegen?

Es gibt einzelne Sachen, die ich sehr interessant finde in Deutschland. Insgesamt funktioniert der deutsche Film, ob jetzt Fernsehen, Kino oder auch Serien, aber nicht besonders gut. Das hat mit den systemischen Strukturen zu tun, die in Deutschland sehr veraltet sind. Es kommen immer die gleichen Leute dran. Til Schweiger ist ein schönes Beispiel. Er macht keine besonders guten Filme, wird aber gefördert. Wir haben in der Branche ein großes Problem, was die kreative Entfaltung betrifft. Sie dürfen praktisch gar nichts mehr machen. Das wirkt sich auf die finanzielle Situation der Autoren aus, die sich nicht brav an das System halten.

Der sogenannte »Writers‘ Room«, in dem im Kollektiv gearbeitet wird, gilt besonders in den USA als Erfolgsmodell moderner Serien. In Deutschland wird diese Form der Zusammenarbeit noch selten angewandt. Brauchen wir solche Modelle, um die Strukturen aufzulockern?

Genau an so etwas erkennt man mangelnde neue Strukturen. Insgesamt haben wir eine sehr schlecht entwickelte Serienkultur. Es werden viele Fernsehserien produziert, die einen Haufen Geld kosten, aber wenig Relevanz haben. Wir alle hoffen es besser machen zu können. Ich habe zum Beispiel eine offene Serie, nach amerikanischem Prinzip entwickelt. Sie befasst sich mit einer Brennpunktfamilie in Deutschland. Öffentlich-rechtliche Sender würden so etwas nie platzieren. Das ist undenkbar im deutschen hyper-bürgerlichen, hyper-politisch-korrekten Fernsehen. Leider.

Könnte sich das in Zukunft ändern?

Es gibt einen interessanten Markt im Netz. Online gibt es neue Platzierungsmöglichkeiten. Auf die Fernsehsender wird Druck aufgebaut, weil die Zuschauer sich reihenweise abwenden. Da haben wir eine reale Chance, dass sich Dinge ändern: ästhetisch, inhaltlich und strukturell.

Warum lohnt es sich trotz der Unsicherheiten und Einschränkungen, als Drehbuchautor zu arbeiten?

Wer schreiben will, soll schreiben – unabhängig vom Markt. Ich rate jedem, dass er das tun soll, was er wirklich will. Wenn Sie Ihre eigenen Geschichten erzählen wollen, dann tun Sie das. Und wenn Sie damit mal nicht erfolgreich sind, dann ist das so. Wenn Sie versuchen wollen auf dem Markt zu bestehen, müssen Sie damit leben können, dass Ihre Stoffe durch sehr viele Hände gehen. Manche haben damit Probleme, manche nicht.

Zur Person
Kheredmand_Foto Ulrike Krauth ist als freie Autorin, Filmdramaturgin und Geschäftsführerin des Unternehmens »Bluenotes stories and consulting« tätig. Nach ihrem Studium der Germanistik und Anglistik, wirkte sie an diversen Theatern und Filmproduktionen mit. Zudem lehrt sie als Dozentin für Drehbuch und Film an verschiedenen Universitäten und Filminstituten.

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