Wenn ein Trainee aus dem Nähkästchen plaudert - Praxiskiste
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Wenn ein Trainee aus dem Nähkästchen plaudert

Traineeships bieten neben Volontariaten oft die einzige Möglichkeit für den Einstieg in die Medienbranche. Im Interview mit Christoph Kölle erzählt Lisa M. – Trainee bei einer renommierten Stuttgarter Kommunikationsagentur – wie sie den Einstieg geschafft hat, welchen Widrigkeiten sie begegnen musste und warum man manchmal auf sein Bauchgefühl hören sollte.

 

Praxiskiste: Sie hatten eine Zusage für eine Volontariats-Stelle. Kurz bevor Sie dort anfangen konnten, wurde Ihnen abgesagt. Wie verkraftet man einen solchen Rückschlag?

Lisa M.: Es war anderthalb Wochen bevor ich dort anfangen sollte. Sie haben mir per E-Mail mitgeteilt, dass sie aus wirtschaftlichen Gründen keine neue Volontariats-Stelle besetzen können. Ich war sehr enttäuscht, habe geheult, ich war richtig fertig. Ich hatte mich so gefreut und ein gutes Gefühl, aber man kann nie hinter die Fassade blicken. Das war das erste Mal in meinem Leben, dass es nicht so geklappt hat, wie ich es geplant hatte. Aber mein Freund und meine Familie haben mich aufgebaut: »Lass dich nicht unterkriegen«. Ich habe mich recht schnell wieder beworben. Ich denke so oft zurück: »Gott sei Dank, bist du da jetzt nicht«. Alles ist jetzt besser: der Standort, das Aufgabengebiet, die Leute.

Sie haben sich für eine Trainee-Stelle entschieden. War der Direkteinstieg nicht möglich?

Der Direkteinstieg ist fast nie möglich. Das gilt für meine und andere Agenturen – das weiß ich von vielen Freundinnen. Für einen Direkteinstieg braucht man Berufserfahrung. Werkstudenten- und 450-Euro-Jobs zählen nicht dazu, weil man die Vernetzungen und das Arbeiten in einer Agentur auf diese Weise nicht kennen lernen kann.

Trainee-Stellen sind rar und daher hart umkämpft. Wie schwierig war es eine Trainee-Stelle zu finden?

Bei einer Freundin hat es ein Vierteljahr gedauert. Bei mir war es so: Ich hatte zwei Tage nach meiner Bewerbung eine Einladung für ein Vorstellungsgespräch. Nach dem einstündigen Bewerbungsgespräch meinte mein jetziger Chef, ich solle zwei Nächte darüber schlafen. Ich habe erwidert: »Muss ich nicht, ich habe ein gutes Bauchgefühl. Ich mach‘s!« Vier Tage später habe ich den Vertrag erhalten. Ich glaube es ist wie bei allem, man muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.

Sie sind Trainee bei einer Stuttgarter Agentur. Von welchen Auswahlkriterien haben Sie sich bei der Suche nach einer Trainee-Stelle leiten lassen?

Ich bin online direkt auf die Agenturwebseiten. Zwar habe ich auch bei verschiedenen Jobbörsen und Jobportalen gesucht. Aber ich bin ein Freund davon, sich direkt bei den Agenturen darüber zu informieren, was sie suchen. Ballungsräume sind Berlin, München, Stuttgart und Hamburg.

Trainee-Programme sollen den Studienabsolventen den Übergang ins Berufsleben erleichtern, indem sie die Struktur und Kultur des Unternehmens kennenlernen und zudem ihre theoretischen Kenntnisse aus dem Studium um unternehmensspezifisches Wissen erweitern, wobei Absolventen alle wichtigen Abteilungen des Unternehmens durchlaufen. Trifft diese Definition auf Ihre Trainee-Stelle zu?

Vor allem der Wechsel zwischen den Abteilungen war einer der Gründe, warum ich mich für eine Trainee-Stelle entschieden habe. Man fängt in seiner Homebase (Anm. d. Red.: Anfangs- und Zielabteilung) an und ist dort sechs Monate. Danach wechselt man für sechs Monate in eine andere Abteilung und nach einem externen Praktikum für die restlichen Monate wieder in die Homebase.

 Sie haben den Master in Allgemeiner Rhetorik an der Universität Tübingen mit ausgezeichneten Noten absolviert und waren als Werkstudentin in der Unternehmenskommunikation tätig. Was muss man mitbringen, um den Einstieg als Trainee zu schaffen?

Auf jeden Fall Durchhaltevermögen, Ehrgeiz und den Glauben an sich selbst. Agentur ist nicht Unternehmen. Man hat von Anfang an sehr viel Verantwortung. Man bekommt das Projektmanagement von A bis Z mit und begleitet Alles von der Kundenakquise, über den Pitch bis zum Kick-off. Man ist überall neu, auch wenn man nicht als Trainee, sondern als Junior Berater oder PR-Manager einsteigt. Man wächst wirklich an seinen Aufgaben.

Was sind aus Ihrer Sicht Vorteile eines Trainee-Programms im Vergleich zu einem Direkteinstieg?

Erstens lernt man die Strukturen und alle Bereiche einer Agentur bis hin zur IT und dabei insbesondere die spezielle Agentursoftware kennen. In einer Agentur ist es sehr viel vertrauter, familiärer und weniger anonym als in einem Unternehmen. Ich gehe täglich mit meinen Kollegen essen oder wir kochen gemeinsam. Auf der anderen Seite ist es mir manchmal zu viel. Ich verstehe mich mit meinen Kollegen sehr gut, aber ich habe eben auch noch Freundinnen, meinen Freund und Sport.

Welches Ziel wollen Sie beruflich erreichen?

Ich möchte als PR-Consultant einsteigen und Berufserfahrung sammeln. Ein mittelständisches Unternehmen könnte ich mir auch sehr gut vorstellen, weil es dort hinsichtlich Familienplanung bessere Teilzeitmodelle gibt.

Welche Rolle spielt das Traineeprogramm für das Erreichen ihres beruflichen Ziels?

Das Traineeprogramm gibt mir Einblick in eine neue Berufswelt. Man macht es, um in einer Agentur Fuß zu fassen und Berufserfahrung zu sammeln. Ich hatte am Anfang eine Kollegin, die mir das Leben richtig schwergemacht hat, sodass ich mich drei, vier Monate durchkämpfen musste. Ich dachte wegen ihr kündige ich meinen Job, der mir eigentlich Spaß macht, nicht. Es war ein harter Einstieg, aber ich glaube, wenn man etwas wirklich will, dann muss man dranbleiben. Vieles ergibt sich. Man muss nur warten können.

Zur Person
Lisa M. (Name geändert) ist Trainee bei einer renommierten Stuttgarter Kommunikationsagentur. Sie studierte Allgemeine Rhetorik an der Universität Tübingen.

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